Ich habe bereits mehrfach über das Konzept Gemeinsame Wettkämpfe im Einrad Freestyle geschrieben, zuletzt im Februar 2025. Damals habe ich meine Sicht als Außenstehender / Ausrichter beschrieben. Dieses mal gehe ich ein wenig mehr auf andere Gesichtspunkte ein, die auch unabhängiger von dem Konzept selbst sind.
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Diesen Post habe ich vorab an Heike Höhne geschickt, damit mir hier keine schwerwiegenden Missverständnisse entstehen und dies hat mir auch noch ein paar Einblicke in ihre Sichtweise gegeben. Dennoch ist dieser Post nur meine Meinung und wurde weder von Heike, noch von anderen inhaltlich beeinflusst.
Kernaspekte unserer Kritik überschneiden sich, auch wenn unsere Lösungsansätze sich teils deutlich unterscheiden, was vermutlich größtenteils aus den unterschiedlichen Sichtweisen von Teilnehmern vs. Ausrichter, bzw. NRW/Norddeutschland vs. Bayern stammt, da der Einradsport auch innerhalb Deutschlands gerade abseits der SDM/NDM und DM doch stark voneinander abweicht.
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Die Version von 2026 ist doch noch nicht da, warum schreibe ich schon wieder?
Heike Höhne dürfte im Einrad Freestyle vermutlich jedem ein Begriff sein (spätestens beim Nachnamen Höhne dürfte für wirklich jeden klar sein, dass hier jemand mit deutlich mehr Erfahrung als ich sie habe spricht). Heike hat vor Kurzem einen Blogpost veröffentlicht, in dem sie neben einem Bericht über die Süddeutsche Meisterschaft 2025 ihre Sicht auf das Qualifikationskonzept im Einrad Freestyle beschreibt und teils deutliche Kritik übt.
Meiner Meinung nach spricht Heike einige sehr wichtige Punkte an, die sich auch mit meiner eigenen Kritik überschneiden. Gleichzeitig gibt es einige Aspekte, die ich anders sehe oder zumindest andere Lösungsvorschläge einbringen möchte.
Wie immer gilt:
Ich bin selbst kein aktiver Fahrer und bin "nur" im Ausrichterteam und der medialen Begleitung des Sports tätig. Meine Sicht ist also immer die eines Außenstehenden, bzw. Laien, der versucht den Sport zu unterstützen.
Dabei fußt meine gesamte Kritik wieder auf dem einleitenden Satz des Konzept aus 2023:
Wir alle möchten, dass unser Sport professioneller wird und das System auch für Laien leicht nachvollziehbar ist.
Überarbeitetes Konzept aus 2023
Strukturell werde ich mich an den Kritikpunkten von Heike entlanghangeln.
Das Problem des Qualifikationssystems
Die fundamentale Kritik, dass das aktuelle Qualifikationssystem dem Sport und vor allem der Motivation des Nachwuchs nicht gut tut kann ich nachvollziehen. Ich habe selbst das aktuelle System (wenn auch bereits verbessert) deutlich kritisiert.
Ich würde allerdings anmerken wollen, dass das Konzept für Fahrer zwar zu Frustration führen kann (auf die genauen Probleme gehen wir später noch ein), aber für Ausrichter mMn nur durch Regelbrüche überhaupt umsetzbar ist. Dies ist auch mit ein Grund, warum wir in unserem Verein inzwischen eigentlich keine Wettkämpfe der "normalen" Wettkampfreihe mehr veranstalten, sondern lieber z.B. einen Nachwuchscup veranstalten, der nicht zwingend an das Konzept gebunden ist.
Mangelnde Wettkampferfahrung für "schwächere" Fahrer
Ein Kern der Kritik ist, dass durch das Qualifikationssystem schwächere Fahrer bereits früh "ausgesiebt" werden und dadurch keine Wettkampferfahrung sammeln können, während "stärkere" Fahrer sich durch mehr Wettkämpfe noch stärker abheben können.
Ob hier eine "Öffnung" der Wettkämpfe wirklich die Lösung ist, weiß ich nicht. Was ich definitiv für einen produktiven Ansatz halte, sind mehr Veranstaltungen wie unsere Nachwuchscups, die explizit darauf ausgelegt sind, auch "schwächeren" Fahrern eine Bühne zu bieten und Wettkampferfahrung zu ermöglichen. Solche Veranstaltungen können abseits des Qualifikationssystems stattfinden und so auch Fahrer ansprechen, die sich nicht für die "höheren" Ebenen qualifizieren oder einfach kein Interesse an dem Leistungsdruck haben.
Falls ihr als Verein Interesse habt, so etwas zu organisieren, meldet euch gerne bei uns. Wir geben gerne Tipps und technische Unterstützung.
Natürlich ist mir bewusst, dass sich hierfür Ausrichter finden müssen, aber das halte ich für möglich. Dies würde ebenfalls die ganzjährige Motivation der Fahrer fördern und würde im Vergleich zu anderen Sportarten sich wie z.B. ein Freundschaftsspiel im Fußball oder ein einzelnes Turnier im Tennis anfühlen.
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Heike hat mir zu diesem Abschnitt erläutert, dass in Bayern Nachwuchswettkämpfe oftmals fernab des IUF Regelwerks mit teils massiven Einschränkungen der Tricklisten gefahren werden. Ich halte dies für hinderlich, wenn diese Wettkämpfe auf die "großen" Wettkampfserien vorbereiten sollen.
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Organisatorische Überfrachtung des Qualifikationssystems
Hier treffen sich einige meiner schwersten Kritikpunkte gerade an der aktuellen Version des Konzepts mit Heikes Kritik, auch wenn Heike diese anders nennt.
Das aktuelle Konzept leidet absolut unter einer unübersichtlichen Überfrachtung und Struktur. In der Softwareentwicklung reden wir gerne von "Ownership" und "Separation of Concerns". Es sollte also für jeden Bereich und jedes Anliegen klar sein, wer der verantwortliche Ansprechpartner ist und eine Entscheidung treffen kann. Gleichzeitig sollte dies eben nach Bereichen klar getrennt sein. Dies fehlt im aktuellen Konzept komplett. Einige Beispiele hierfür sind die Meldung, bei der der Ausrichter die Meldung organisieren muss, der Verband aber als Veranstalter entscheidet, wer überhaupt starten darf (da die Qualifikation geprüft wird). Videoküren müssen von den Ausrichtern organisiert werden, aber die Zulassung dieser wird durch die Freestylebeauftragten entschieden (was in der Vergangenheit schon zu Widersprüchlichkeiten und Problemen geführt hat). In dieser Form lassen sich einige Dinge finden, bei denen der Ausrichter zwar in die Pflicht genommen wird, aber keine Entscheidungsgewalt hat und somit auch am Veranstaltungstag nicht frei agieren kann.
Um das nochmal klar zu sagen: Ich habe kein Problem damit, wenn es klare Rollen gibt und der Ausrichter sich an Regeln und Vorgaben halten muss, aber wenn der Ausrichter die Verantwortung für den Zeitplan bekommt und dann Entscheidung darüber, ob eine Mittagspause übersprungen werden kann oder nicht ihm abgenommen werden, dann führt das innerhalb der Organisation zu Problemen und sorgt für Verwirrung bei allen Teilnehmern und Gästen. Ebenso führt es bei den Fahrern zu verständlicher Frustration, wenn ein Attest zwar Fristgerecht an die in der Ausschreibung genannte Kontaktadresse geschickt wurde, aber dann doch von den Freestylebeauftragten abgelehnt wird, weil es nicht gleichzeitig auch an eine gmx.net, mail.de oder yahoo.com Adresse geschickt wurde.
Stichwort professionelle Kommunikation:
Wenn die Verbände und ihre Beauftragten professionell auftreten wollen, dann kann dies nicht über persönliche Mailadressen laufen. Der RKB macht es hier vor und nutzt zumindest eine "@rkbsoli.org" Adresse. Noch besser wäre es, wenn es Adressen für Rollen und nicht für Personen gäbe (also z.B. videokür@einradverband.de). Dies verhindert, dass bei Krankheit, Abwesenheit oder Wechsel der Beauftragten Mails verloren gehen oder nicht beantwortet werden können.
Gleichzeitig nutze ich hier nochmal die Chance um zu sagen, dass wenn eure Prozess in der Außenkommunikation mit z.B. Fahrern an irgendeiner Stelle Office Dokumente (Word, Excel, ...) enthält, dann ist euer Prozess kaputt. Vor allem wenn diese nicht "einfach" in kostenlosen Alternativen wie LibreOffice oder Google Docs fehlerfrei geöffnet werden können.
Zu eng gedacht und das Ding mit der Praktikabilität
Um wieder auf Heikes Kritik zurückzukommen:
Ein Wettkampfwochenende ist nach aktuellem System gerade für die Nord- und Süddeutsche Meisterschaft leider komplett überladen. Hierbei hat das Konzept sogar Regeln für überladene Landesmeisterschaften, aber die zu erwartend größten Wettkämpfe dürfen solche Sonderregelungen nicht nutzen.
Dagegen wird oftmals argumentiert, dass ja die Anzahl Starter für NDM/SDM bekannt sei, was ich aber bereits früher widerlegt habe, da die Reine Kürzeit um über 2h schwanken kann.
Ob zudem das neue Konzept mit der Doppeljury wirklich gut ist, weiß ich auch nicht. Meiner Meinung nach tauscht man hier nur den Stress und die Verwirrung der Zuschauer gegen etwas Zeitgewinn. Eine sinnvolle Lösung könnte hier eine neuaufschlüsselung der Startplätze sein, aber dazu später mehr.
Der Punkt mit den Meldezahlen und den Erfolgschancen
Schafft doch mal bitte einheitlichere Namen für die Landesmeisterschaften. Die "Ostdeutsche Meisterschaft" sorgt bei vielen, die nicht aus dem Freestyle kommen, für Verwirrung, da es eher nach der Riege Nord- bzw. Süddeutsche Meisterschaft klingt.
Auch wenn ich einige Versuche gebraucht habe, um die Tabellen in Heikes Blogpost zu verstehen, finde ich die darin enthaltende Kritik wichtig. Durch die größere Konkurrenz um Startplätze der nächsten Runde, steigt das Leistungsniveau zur NDM/SDM deutlich unterschiedlich an.
2021 gab es natürlich noch das Problem, dass es bei der Neuschaffung des Konzepts keine historischen Daten gab. Jetzt, wo wir einige Jahre Erfahrung mit dem Konzept haben, könnte man den Verteilungsschlüssel jedoch sinniger gestalten.
Man könnte die Anzahl Startplätze pro Landesmeisterschaft jedes Jahr basierend auf den Meldungen des Vorjahres anpassen (Noch besser, wenn man bei Meldung bereits das genaue Bundesland abfragt und diese Daten zentral sammelt). Auf diese Weise könnte einradstarken Bundesländern mehr Startplätze eingeräumt werden, während einradschwächere Bundesländer weniger Startplätze bekommen. Somit würden sich auf der Deutschen Meisterschaft nur noch z.B. die besten 5% aller EinradfahrerInnen Deutschlands treffen und nicht das beste Prozent aus Bayern gegen die besten 25% aus Hessen antreten.
Kinder brauchen Teilhabe
Hier haben wir einen der wenigen Punkte, bei denen ich Heike im Grundsatz nicht zustimmen kann.
Also Ja, Kinder brauchen Teilhabe, keine Frage, aber gleichzeitig geht es bei dieser Wettkampfserie nun mal am Ende darum die leistungsstärksten FahrerInnen zu ermitteln, um diese am Ende auch auf internationale Wettkämpfe zu schicken. Und ja, das ist auch bei den Kindern schon so. Ich habe das selbst in Wettkampfserien schon zu Schulzeiten erlebt, als ich z.B. in Sotschi war.
Hier treffen sich zwei Punkte von vorher wieder. Einerseits brauchen wir dringend mehr Veranstaltungen die weniger Leistungsdruck mit sich bringen und andererseits sollte das Qualifikationssystem besser eine Chancengleichheit abbilden.
Bayern wird bestraft?
Heike fokussiert sich in ihrem Blogpost stark auf Bayern und stellt die bayrische Benachteiligung deutlich hervor. Ich möchte das hier aber nochmal unterstreichen. Ich sehe allerdings einige Probleme in der Argumentation.
Zum einen stellt Heike ja bereits selbst fest, dass die Gruppierung der Bundesländer nicht rein auf der Einwohnerzahl basiert (sonst wäre NRW vermutlich auch alleine), aber gleichzeitig das aktuelle System die Unterschiede nicht gut abbildet.
Ich verstehe warum diese Unterschiede existieren, da das Konzept ein möglichst gleiches Vorgehen für alle Landesmeisterschaften erreichen wollte. Allerdings würde ich in Frage stellen, ob es wirklich nötig ist, dass jede Landesmeisterschaft exakt die gleiche Anzahl FahrerInnen weiter qualifizieren darf.
Die geforderten Konsequenzen
Ich habe jetzt einen ganzen Teil von Heikes Blogpost übersprungen, da dieser meiner Meinung nach nur das Gesagte unterstreicht und keine neuen Kritikpunkte bringt.
Abschließend fordert Heike:
Die einzige logische Schlussfolgerung lautet: Das System muss verändert werden.
– Weg von der starren zahlenmäßigen Vergabe der Startplätze
– Hin zu einem prozentualen System, das die tatsächliche Beteiligung, regionale Dichte und das Engagement der Vereine berücksichtigtUnd im besten Fall:
Eine Trennung von Junioren- und Seniorenmeisterschaften, wie sie in vielen anderen Sportarten selbstverständlich ist.Denn hier geht es nicht um Profis –
es geht um Kinder in der Entwicklung.Heike Höhne im Blogpost
Auch wenn ich zustimme, dass sich etwas ändern muss, sehe ich teile der Lösungsvorschläge kritisch, bzw. würde sie anders handhaben.
Starre zahlenmäßige Vergabe
Meiner Meinung nach ist eine "starre" zahlenmäßige Vergabe richtig, sollte aber anders gedacht werden. Statt zu fragen "wie viele Fahrer dürfen aus jeder Landesmeisterschaft weiter", sollte eher gefragt werden "wie viele Startplätze sollte Wettkampf XY haben und wie sollten diese verteilt werden".
Heißt, wenn z.B. an der Süddeutschen Meisterschaft 10 Einzel U15 Fahrerinnen teilnehmen dürfen, dann überlegt man, welche Landesmeisterschaft wie viele Startplätze qualifizieren darf, um die 10 Fahrerinnen zu füllen. Dies würde auch dazu führen, dass man endlich wirkliche Planbarkeit für die Ausrichter schaffen könnte, da diese dann wüssten, wie viele FahrerInnen sie erwarten können.
Prozentuales System
Hier kann ich wiederum nur zustimmen. Die genaue Ausarbeitung eines solchen Systems ist natürlich nicht trivial, aber ich denke hier würden sich viele Lösungsvorschläge finden lassen, die man in einem offenen Prozess konstruktiv diskutieren könnte.
Wichtig ist hierbei aber, dass sich das System nicht einfach "ausnutzen" lässt, indem ich z.B. viele passive Mitglieder in meinem Verein sammle.
Trennung Junioren und Senioren
Ich habe dieses Konzept mehrfach gesehen und nie ist es wirklich gut aufgegangen. Professionalität ist keine Frage des Alters, sondern der Intention. Nur weil jemand in 25+ startet, heißt das nicht, dass diese Person professionell an den Sport herangeht. Genauso wenig bedeutet es, dass eine 12-jährige nicht professionell an den Sport herangehen kann. Die Entwicklung sollte daraus entstehen, dass FahrerInnen ein breites Angebot an Wettkämpfen haben, die sie je nach Interesse und Leistungsniveau besuchen können. Dass die "zentrale" Wettkampfserie des Konzepts sich mit steigender Ebene dann auch professionalisiert finde ich sogar einen wünschenswerten Schritt und würde auch dazu beitragen, dass der Sport insgesamt gesund und natürlich in die Professionalität wachsen kann.
Eine Trennung würde hier dazu führen, dass die "Junioren" zu einem Wettkampf zweiter Klasse degradiert werden und dann plötzlich bei den Senioren ins kalte Wasser geworfen werden. Eine gemeinsame Wettkampfserie stellt meiner Meinung nach einen fließenderen Übergang dar.
Fazit
Der Einradsport muss sich langfristig weiter entwickeln und diesen Wunsch nach Änderung sehe ich nicht nur bei Heike und mir, sondern bei vielen Aktiven im Sport. Vor kurzem hatten wir eine 40+ Convention bei uns und auch dort wurde dieses Thema angesprochen.
Ich hoffe wir finden einen Weg all das konstruktiv anzugehen und den Sport für alle Beteiligten besser zu machen. Ich stehe hier weiterhin gerne als Unterstützer zur Verfügung.
Meiner Meinung nach würde es auch vieles einfacher machen, wenn die Verbände gemeinsam eine zentrale Onlineplattform für Termine, Ergebnisse, Meldungen und Kommunikation bereitstellen würden. Technische Expertise dafür würde sich sicher finden und Datenschutzbedenken halte ich in ihrer aktuellen Form auch eher für vorgeschoben.
This post is in german, as it is targeted at a german audience.
Since this is not a tech post and has close to no relevancy outside of Germany, I won't provide a translation.